Wengernalp und Hotel Jungfrau – historisch„Wollen wir sie, oder wollen wir sie nicht?“, so fragte Vater Fritz von Almen zum Trümmelbach die andern sechs Mitglieder im Familienrat. Es war im Januar 1958. Die hotelfachlich Ausgewiesenen wollten nicht. Sie waren zu fünft und hatten recht. Also wurde das Hotel Jungfrau im Mai 1958 gekauft – mit einem Prosit auf die qualifizierte Minderheit. Der damalige Hoteldirektor, ebenso nett wie durstig, blieb, wie auch die beiden Corgi-Hündchen zum Troste seiner Frau. Die bisherige Besitzerin, die Alpgenossenschaft Wengernalp, war mit einem Schlag ihre Hypothek und ihre Schulden los und froh, sich wieder ausschliesslich den Kühen widmen zu können, ihrem statutarischen Zweck Nummer eins. Auch aus der finanziell immer enger werdenden Umschlingung durch den Besitz des Hotels Des Alpes auf dem Scheidegg-Pass hatte man sich so schon zu lösen vermocht, 1908, für hunderttausend Goldfranken: Liegenschaftspekulation in der Hotellerie paßt grundsätzlich schlecht zum Weiden und Käsen. Der gute Verkauf brachte der Alpgenossenschaft ihre alte Unabhängigkeit zurück.

Wo aber landeten die beiden Hotels Des Alpes, Kleine Scheidegg, und Hotel Jungfrau, Wengernalp? Beim Trümmelbach. Das Des Alpes über den Umweg der Heirat des Fritz von Almen mit der Alleinerbin der Scheidegg Unternehmung der Gebrüder Seiler, Emma Seiler, das Hotel Jungfrau 50 Jahre später daselbst. Was Fritz von Almen wollte, das hat er in seinem Leben gewöhnlich auch erreicht, und seine Vorliebe gehörte, Emma Seiler ausgenommen, echten Berghotels, Risiken, Schwierigkeiten, Wetterabhängigkeit hin oder her. So wurde er als ganz junger Ehemann erst einmal sogenannter Out-door-Manager beim Grafen Renesse im legendären Maloja-Palace im Oberengadin, dann Eigentümer der Scheidegg-Hotels, des Palace-Hotels in Mürren und, last but not least, des kleinen Hotels Jungfrau auf der Wengernalp.

Die Zuneigung zu den Bergen und zum Beruf war geburtsgegeben: Schon im frühen 19. Jahrhundert besaß die Familie von Almen das Talgasthaus gegenüber der Kirche zu Lauterbrunnen, der Vater, Fritz der Erste, den Trümmelbach, Emma, Ehefrau von Fritz dem Zweiten verkörperte die dritte Generation der Gründer der Hotels auf der Kleinen Scheidegg. Sie fand sich überdies gut dotiert mit Bergrechten der Alpgenossenschaft Wengernalp, die sie ihrem unternehmungslustigen Mann schenkte.

Das Hotel Jungfrau: Ein Haus mit Geschichte. Die Anfänge des Reisens und Wanderns in den Bergen. Die Unterkunft auf der Wengernalp wird erwähnt bei G.S. Gruner „Die Eisgebirge des Schweizerlandes“, 1760, im Reisebericht Pfarrers von Wyttenbach, Bern, 1771, Bei J.R. Wyss „Reise durchs Berneroberland“, 1816, im Tagebuch Lord Byrons, ebenfalls 1816.

Zuerst gab es eine „Bewirtete Sennhütte“, Milch, Brot, Käs, Heulager. „...les vacheurs n’ont ordinairement à offrir que leur litière, qui n’est ni fraiche, ni très propre, et assez exposée à l’air ...le repos est souvent interrompu par les vachers qui entretiennent le feu pendant toute la nuit et produissent ainsi une fumée continuelle, et par le bruit que font les bestiaux, particulièrement par le grognement des porcs...“Darauf folgte eine „Schirmhütte mit Wegzehrung“. Ein Stich zeigt Lord Byron auf der Türschwelle sitzend, über seinem „Manfred“ meditierend ...1816

Schliesslich wurde ein Gasthaus gebaut, 1835. Nach vielem und jahrelangen Pro und Contra: Einsprachen der Wirte von Lauterbrunnen und Grindelwald, die sich konkurrenziert fühlten, des Staates Bern, der Trunksucht und Unmoral zu fürchten vorgab, wurde das Wirtepatent 1864 definitiv erteilt, das Hôtel de la Jungfrau von der Alpgenossenschaft erbaut, 1865 eröffnet und verpachtet.

Rückblickend auf das 19. Jahrhundert, auf die Zeit bis vor 1914, Ausbruch des ersten Weltkrieges, muß festgestellt werden, daß es gerade diese Hotels auf den Bergen waren, unbeachtet ihrer meist bescheidenen Größe, die den international guten Namen der Schweizerhotellerie begründeteten: Erstklassige Stadthotels gab es immer und überall in Europa, aber Erstklaßhotels im Gebirge - das war unerwartet, erstaunte und schuf weithallende Resonanz. „Bär“ und „Adler“ in Grindelwald, „Monte Rosa“ und „Ryffelberg“ in Zermatt, „Hotel Jungfrau Eggishorn“ am Aletschgletscher und eben, unser Hotel Jungfrau auf der Wengernalp - im Abgelegenen und Rauhen müssen Unterkunft und Verpflegung stimmen, und bis zur Wengernalp hat man immerhin schon einen Fußmarsch von rund drei Stunden hinter und einen ebensolangen über die Scheidegg nach Grindelwald vor sich.

Es sei denn, die Gipfel riefen! Sie scheinen nah, unmittelbar gegenüber, nur Luft dazwischen. Doch der Höhenunterschied Hotel Jungfrau 1900 MüM, Gipfel 4158 MüM, beträgt 2258 Meter. Welche Herausforderung für die Pioniere! Und sie kamen:
Richard Barrington, 1858, Erstbesteigung des Eiger, ab Hotel 2070 Meter; Leslie Stephen, 1859, Erstüberschreitung des Eigerjoch, 1859 Meter ab Hotel; Leslie Stephen, 1862, Erstüberschreitung des Jungfraujoch, 1665 Meter ab Hotel. Leslie Stephen war wiederholt Gast das Hotels und beschrieb die Wengernalp in seinem klassischen Werk, „The Playgrond of Europe“ als „den schönsten Platz der Alpen“.

Der Eiger mit seinem Gletscher, die Nordwände von Mönch und Jungfrau mit ihren Eisstürzen, -flanken, -pfeilern, -balkonen, -brücken, aussehend wie „a hurrican frozen in a moment“ (Byron): der Eismantel vis-à-vis der Hotelfenster hängt von den Häuptern der Viertausender bis auf 1800 Meter herunter zu deren Füssen. Und es hängt dieses Eisgewand nicht stumm: in seiner Textur kracht es, reißt es, lösen sich Lawinen.

Von den Gletscherforschern und Hochgebirgsphysikern des 18. Jahrhunderts, über die romantischen Maler, Dichter, Komponisten reichten sich auf Wengernalp weltberühmte Besucher und Gäste die Hand. Unvergessen auch die großen Bergsteiger, die als Erstbesteiger des Goldenen Zeitalters der Alpeneroberung hier ihre alpinhistorisch unvergänglichen Spuren hinterlassen haben.

Die Maler: die Lory, G. Staub, Otto v. Kameke, Franz Niklaus König, Joseph Anton Koch, François Diday, Alexandre Calame, Maximilien de Meuron, Lugardon, Humbert, F. Hodler, Yoshida, Victor Surbek

Die Komponisten: Mendelssohn, Brahms, R. Wagner, Flotow, Tschaikovsky

Die Dichter: Byron, Wordsworth, Daudet, Mark Twain

Gästebücher? Erst ab 1865. Von der Freifrau und deren Herren bis zur Königin ist grosso modo jeder aristokratische Grad vertreten. Auch an Groß –und Mittelbürgern fehlt’s bis heute nicht. Für Linkslastige: selbst Marx und Engels waren da, 19. Jahrhundert.

1962, im Mai, nahmen Kaspar, Sohn der Emma und des Fritz, und Erica mit Kindern Wohnsitz im Hotel Jungfrau. Statt der Corgies trat der fast Legende gewordene, 1oo Kilogramm schwere und schwarze Neufundländer Otto die Wache über das Haus an und wurde dabei als meistfotografierter Hund der Talschaft Lauterbrunnen gut 13 jährig.

Das Hotel wurde während der 30 Jahre ab 1962 restauriert und renoviert und erwarb sich eine durchaus sympathische, zahlreiche, internationale Stammkundschaft.

Heute führt Urs von Almen das Haus, aus Distanz architektonisch und synergetisch assistiert von Bruder Andreas auf der Kleinen Scheidegg.
Sohn Christian, in der Führung Nachfolger von Erica und Kaspar, stand dem Geschäft bis 1997 vor, als er sich für die professionelle Bergfotografie entschied.

Kaspar von Almen